Die blutige Kreuzigungsszene zieht Kinder bei Führungen durchs Heimatmuseum immer wieder magisch an. Für heutige Betrachter wirkt sie fremdartig: Christus hängt blutüberströmt am Kreuz, flankiert von kleinen Köpfen mit bunten Flügeln. Am unteren Bildrand knien winzige Figuren. Die vielen Details werfen Fragen auf: Warum so viel Blut? Wer sind die kleinen Menschen? Was bedeuten die schwebenden Köpfe mit Flügeln? Und warum wirkt alles etwas „unbeholfen“ gemalt? Eine Einladung, die Bildsprache vergangener Frömmigkeit gemeinsam zu entschlüsseln.
Das auf Holz gemalte Bild, um 1750 entstanden, wurde 1927 vom Museumsgründer Gottfried Stammler in Prunn bei Riedenburg erworben. Der Rahmen fehlt, und die Malschicht ist stellenweise beschädigt. Die Inschrift am unteren Bildrand ist nur fragmentarisch erhalten; lesbar sind eine „17“ und der Name „Mathias“. Das Gemälde diente als Epitaph – ein Gedächtnisbild in einer Kirche, das an Verstorbene erinnerte. Im Zentrum steht die Kreuzigung: Christus mit offenen Augen, blutenden Wunden und den sogenannten Arma Christi (Symbole der Passion). Die Blutströme fließen auf zwei Heilige: Johannes Nepomuk (links, mit Mozetta, einem Schulterkragen, und Kreuz) und Florian (rechts, mit Wassereimer vor brennendem Haus). Die kleinen Köpfe mit bunten Flügeln in einem Wolkenband stehen für Engel. In der Bibel werden manche Engel als rein himmlische Wesen beschrieben, die von vielen Flügeln umgeben sind. In der Kunst stellte man sie deshalb manchmal nur als Kopf mit Flügeln dar – als Zeichen, dass sie keinen menschlichen Körper brauchen. In der Spätgotik und im Barock wandelte sich das Schönheitsideal: Man stellte Engel wurden wie fröhliche, runde Kindergesichter dar. Sie sollten freundlich und unschuldig wirken und gleichzeitig zeigen: Hier beginnt der Himmel. Zudem waren sie eine kompakte, dekorative Form, die sich gut in Bilder einfügen ließ.
Unterhalb der Kreuzigung sind kleine, knieende Menschen dargestellt, getrennt nach Geschlechtern. Es handelt sich um die Stifter des Gemäldes. Kreuze über einzelnen Köpfen deuten auf Verstorbene hin. Ihre geringe Größe steht – gemäß christlicher Bildtradition – für Demut und Unterordnung gegenüber dem Göttlichen.
Die Darstellung wirkt sehr expressiv und drastisch, nach heutigen Maßstäben fast modern. Kräftige Konturen, helle Weißhöhungen (mit groben Pinselstrichen) und starke Kontraste ohne weiche Modellierungen bestimmen den Stil. Die Proportionen sind schematisch, die Perspektiven einfach. Ziel des Malers war nicht eine naturgetreue Wiedergabe, sondern eine klare religiöse Botschaft mit starker emotionaler Wirkung.
© Dr. Nicole Brandmüller-Pfeil
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