Die Hutnadel – Schmuckstück, Statussymbol, Waffe

Hutnadeln

Die Hutnadel war nur für kurze Zeit ein modisches Muss – doch sie ist ein faszinierendes Accessoire. Zwischen 1880 und 1920 wurde sie eingesetzt, um die immer größer und ausladender werdenden Hüte mit den oft kunstvoll aufgetürmten Frisuren der Trägerinnen zu fixieren. Die enorm breiten Krempen dieser Hüte brachten ihnen den Spitznamen „Wagenräder“ ein – sie sollten die Schultern der Trägerin überragen. Dieser Modetrend verbreitete sich rasch über Westeuropa, Nordamerika und Kanada. Anfangs nur wenige Zentimeter lang und mit einem einfachen Knopf versehen, erreichten Hutnadeln bald eine Länge von 20 bis 40 Zentimetern. Sie bestanden meist aus Eisen oder Stahl, ihr Ende war kunstvoll verziert – mit Messing, Silber, Gold, Perlen, Emaille, Halbedelsteinen, Glas, Horn oder Zelluloid. Das spitze Ende der Nadel ragte dabei häufig sichtbar auf der anderen Seite des Hutes heraus. Damit war die Hutnadel nicht nur ein alltagstaugliches Befestigungsinstrument, sondern auch ein dekoratives Schmuckstück – und potenziell gefährlich.

Diese Gefahr ist keineswegs hypothetisch. Beim Reinigen, Konservieren und Inventarisieren der 17 kunstvollen und vielfältigen Exemplare aus der Sammlung von Gottfried Stammler wird deutlich, wie rasch sich ein Modeaccessoire in ein potenziell verletzendes Objekt verwandeln könnte. In Presseberichten um 1900 – vor allem aus den USA – finden sich zahlreiche Fälle, in denen Frauen Angreifer mit Hutnadeln abwehrten. In einer Zeit, in der Frauen zunehmend selbstständig unterwegs waren, diente die Hutnadel auch zur Selbstverteidigung und wurde nicht selten als „Waffe der neuen Frau“ stilisiert. In der populären Unterhaltung taucht die Hutnadel ebenfalls als Waffe auf – etwa im Agatha-Christie-Krimi „Murder at the Gallop“ (dt. „Der Wachsblumenstrauß“, 1963). In dieser Verfilmung wird eine Figur mit einer Hutnadel durch die Rückenlehne eines Stuhls ermordet.

Tatsächlich waren viele Gefährdungen unbeabsichtigt. Die langen Spitzen ragten in öffentlichen Verkehrsmitteln, Aufzügen und Kaufhäusern gefährlich in den Raum und bedrohten Gesichter und insbesondere Augen anderer Menschen. In Folge kam es zu Verboten für das Tragen großer Hüte und langer Hutnadeln in Bussen und Bahnen. Um 1910 eskalierte der sogenannte „Hutnadelstreit“: Frauen aus gutem Haus wehrten sich gegen die Einschränkungen – nicht selten mit Verweis auf den gesellschaftlichen Einfluss ihrer Ehemänner. Die Zeit der Hutnadel war jedoch ohnehin bald vorbei. In Romanen und Filmen lebt sie weiter – als funkelndes Schmuckstück, feministische Waffe oder gefährliches Detail des Alltags.

© Dr. Nicole Brandmüller-Pfeil

drucken nach oben