Nelken, Nippes, Nägel

Körbchen und Baum

„Weibliche Handarbeiten, Spielereien zum Ausschmücken der Wohnungen, der Wohlgeruch der Nelkenblüten, mag zum Anfertigen der zwecklosen Sachen gereizt haben.“ Mit diesen Worten beschrieb Leonhard Wittmann, Mitarbeiter des Heimatmuseums, die Objekte im Inventar von 1948. Sein mitunter salopper Ton wirkt heute ebenso amüsant wie aufschlussreich und verrät viel über die damaligen Wertvorstellungen. Umso bemerkenswerter ist, dass die Stücke trotz dieser eher abwertenden Beschreibung für das Museum bewahrt wurden.

Auf den ersten Blick wirken der filigrane Baum und das Körbchen aus Draht, Glasperlen und Gewürznelken wie aufwendig gestaltete Dekorationsstücke – vielleicht ein wenig wie das, was man heute als „Nippes“ bezeichnen würde. Durch ihre Form und das dunkle Material erscheinen sie heutigen Betrachtern allerdings eher spröde, fast gerippe- oder spinnenartig. Doch ein genauerer Blick lohnt sich (auch wenn die Objekte schwer zu fotografieren sind).

Die Arbeiten entstanden vermutlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts als weibliche Hausarbeit. Ein Körbchen aus Gewürznelken verbreitete nicht nur einen angenehmen Geruch (es duftet übrigens immer noch leicht), sondern erfüllte auch einen praktischen Zweck: Es überdeckte unangenehme Gerüche in Wohnräumen und Schränken. Außerdem galten Gewürznelken in der Volksmedizin als schützendes und gesundheitsförderndes Mittel. In einer katholisch geprägten Region wie Schnaittach hatte das Material aber noch eine weitere Bedeutung. Seit der Gegenreformation setzte die katholische Kirche bewusst auf eine Glaubensvermittlung, die alle Sinne ansprach. Prächtige Altäre, Bilder, Musik, Weihrauch, Blumen und kostbare Materialien sollten den Glauben unmittelbar erlebbar machen und die Menschen emotional ansprechen. Auch zu Hause zeigte sich diese Tradition: Andachtsbilder wurden mit Blumen geschmückt, Rosenkränze kunstvoll verziert und kleine religiöse Kunstwerke für den Wohnraum geschaffen. Auch die Gewürznelke konnte religiös verstanden werden. Wegen ihrer nagelähnlichen Form wurde die getrocknete Blütenknospe seit dem Mittelalter mit den Kreuzesnägeln Christi in Verbindung gebracht. In Darstellungen der Gottesmutter Maria steht die Nelke außerdem für Liebe und Treue und erinnert zugleich an das Leiden Christi.

Ob die Schnaittacher Objekte bewusst mit dieser Symbolik gestaltet wurden, lässt sich heute nicht mehr nachweisen. Den Menschen des 19. Jahrhunderts dürfte diese Bedeutung jedoch noch vertraut gewesen sein. Als die bereits über 25 Ja

hre bestehende Sammlung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg inventarisiert wurde, war dieses Wissen vielleicht nicht mehr unmittelbar präsent.

Dr. Nicole Brandmüller-Pfeil

Körbchen

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